#2: Sexismus und sexualisierte Gewalt innerhalb der radikalen Linken

#2: Sexismus und sexualisierte Gewalt innerhalb der radikalen Linken

Debattenbeitrag der Gruppe GA+FA, erstveröffentlicht im Februar 2022 hier

Wir haben den Debattenbeitrag von f_act zum Anlass genommen, uns mit der Rolle des Feminismus innerhalb der radikalen Linken (1) zu beschäftigen. Insbesondere ist uns eine kritische Auseinandersetzung über den Umgang mit Sexismus und sexualisierten Übergriffen wichtig. In diesem Beitrag haben wir entsprechend Gedanken und Vorstellungen zu einer emanzipatorischen Praxis gesammelt und versucht auszuführen.

Zur generellen feministischen Praxis

In der radikalen Linken sind alle (Pro-)Feminist:innen. Dieser Sachzwang gilt für alle, die innerhalb der Szene agieren wollen. Wer nicht behauptet, Feminismus sei wichtig und notwendig, kann sich heutzutage in keiner Gruppe blicken lassen, die sich als halbwegs emanzipatorisch versteht. Doch was bedeutet diese Aussage wirklich? Auf sie allein ist wenig Verlass, erleben wir doch immer wieder, dass Gruppen sich feministisch nennen, ohne dass sie konsequent feministische Inhalte vertreten. Dabei wäre es zu kurz gegriffen, damit (nur) Antifagruppen, die sich die mackrige Einschüchterung von Nazis zur Aufgabe gemacht haben, anzugehen. Dieser Habitus ist leider in der Gesellschaft (wie sie aktuell aufgestellt ist) immer wieder notwendig, um diejenigen einzuschüchtern, die ansonsten Menschenfeindliches praktizieren würden. Egal, ob das Betätigungsfeld klassische Antifa- oder Feuerwehrarbeit ist, Rassismus, Antisemitismus, Öko-Aktivismus, Kapitalismus (…) oder alles zusammen – es mangelt immer wieder an konsequent feministischer Praxis im eigenen Denken und Handeln sowie innerhalb der Gruppe und Szene. Wer darf sich das Label „feminist“ geben? – Es ist die Frage, ob die ehrliche Einschätzung, doch nicht so viel Feminismus in der eigenen Gruppe umzusetzen, die Konsequenz haben sollte, sich nicht Feminist:innen zu nennen. Dies würde bestimmt viel Kritik innerhalb der Szene bedeuten – und doch ist der Zustand, in dem „alle zusammen für den Feminismus“ ohne Feminismus sind, auch verquer. 

Bremse versus Aktion

Wir nehmen wahr, dass die Auseinandersetzung mit Feminismus (und auch Sexismen) als dröge Angelegenheit betrachtet wird, mit der man sich nicht zu lange beschäftigen will, weil es ja auch „echte politische Arbeit“ gibt und man handlungsfähig sein will, statt Selbstarbeit zu betreiben. Feminismus oder auch das Ansprechen von Sexismen werden dabei oft als „Bremse“ des Politalltags begriffen. Übrigens hält dieses Gefühl viele Betroffene von Sexismus oder auch sexistischen Übergriffen davon ab, ihr Erleben überhaupt zum Thema innerhalb von Gruppen zu machen. Sie wissen ganz genau, dass sie damit „ausbremsen“ und dass solcherlei Auseinandersetzungen große Sprengkraft besitzen können.

Uns ist es wichtig festzuhalten, dass eine feministische Praxis nicht per se aufwändig, anstrengend, langsam und reaktionsunfähig sein muss. – Hier schleicht sich der Mythos des Haupt- und Nebenwiderspruchs subtil ein. Wir glauben, dass es Sinn ergibt, „handlungsfähig“ im Sinne von effektiv zu sein. Die Prekarität, mit der linksradikale politische Arbeit in dieser Gesellschaft behaftet ist, führt dazu, dass man sich nicht die ganze Zeit mit Reflektion beschäftigen kann. Dennoch sollte sie mehr Raum bekommen, damit bspw. Kritik an gruppeninternen Sexismen nicht einfach abgetan werden kann mit dem Hinweis auf dringendere Pläne. Es ist wichtig zu verstehen, dass Feminismus einen nicht ins Passive zwingt, damit man endlich wieder ins Aktive gehen kann. Feminismus muss in die aktiven Handlungen mit einbezogen werden! 

Konkret kritisieren wir, dass Feminismus in vielen Politkontexten nur bedeutet, dass es zu Beginn des Plenums eine institutionalisierte Emorunde, eine Redequote, eine erste FLINTA-Reihe auf der Demo oder, wenn es gut läuft, einen antisexistischen Vortrag gibt. Das ist nicht ausreichend, denn diese Verhaltensweisen oder Strategien werden oft genug einfach als starre Regeln angewandt, statt ihren Sinn und Zweck zu reflektieren. So verbleibt der eigene feministische Anspruch hinter recht inhaltsleeren Instrumenten. Stattdessen sollte kontinuierlich, alltagsnah und vorausschauend feministisch gehandelt werden, nicht nur als oberflächliche Reaktion, wenn mal wieder was „scheiße gelaufen“ ist oder man sich nach außen hin präsentieren muss. Denn es ist eigentlich der falsche Zeitpunkt beziehungsweise viel zu spät, sich „vom Feminismus ausgebremst“ zu fühlen, wenn die einzigen zwei FLINTA-Personen mal krank sind und in der ersten Reihe doch nur cis Typen laufen würden – und man sich auf einmal vermeintlich zwischen Feminismus und Aktion entscheiden muss. Wenn man auf der Protestaktion doch mal eben kurz als ältere, männliche Genossen wichtig die Köpfe zusammensteckt, weil‘s so naheliegt und die jungen FLINTAs ja eh nicht so eingedacht sind. Wenn … you get the idea.

Hinderliche Mechanismen

Uns sind besonders zwei miteinander verknüpfte Mechanismen aufgefallen, die die oben genannten Feminismus-Fails begünstigen und beeinflussen: zum einen wird das Sprechen über Feminismus immer wieder aktiv auf FLINTA Personen abgeschoben und Verantwortung für Themen aus dem Großplenum abgegeben. Dies führt dazu, dass FLINTAs quasi zwangsweise zu Expert:innen werden, wenn es um das Thema Feminismus geht, während die mit ihnen organisierten cis Dudes sich kaum mit dem Thema auseinandersetzen. Diese sich so herausbildende Wissenshierarchie wird durch den zweiten Mechanismus ergänzt: Unabhängig davon, wie sie sich wirklich positionieren oder verhalten, werden cis Männer, die mit männlichen Stereotypen brechen (z.B. lange Haare, Nasenpiercings, Nagellack oder andere feministische Accessoires) und ein gutes Redeverhalten haben, ernster genommen, wenn es um feministische Themen geht. Ein Shirt mit der Aufschrift „feminism“ halten wir – surprise! – nicht für ausreichend. 

Weniger performance, mehr deepwork ist gefragt, vor allem vonseiten der cis Typen. Das ist notwendig, um eine handlungsfähige, feministische Praxis zu entwickeln, die es ermöglicht, mit Sexismen und Übergriffen innerhalb der linken Szene angemessen umzugehen und den sexistischen Zuständen in dieser Gesellschaft etwas entgegenzusetzen. 

Kritik am Umgang mit Sexismus, sexualisierten Übergriffen und Gewalt innerhalb der Szene und ein Plädoyer für Veränderung

Die unzureichende Reflektion über die eigene feministische Praxis ist ein Problem. Ein weiteres, damit verknüpftes Problem ist der Umgang mit sexualisierter Gewalt und Sexismus innerhalb der radikalen Linken. Doch um einen angemessenen Umgang damit zu ermöglichen, müssen sich bestimmte Dinge ändern. 

Eigene Grenzen wahren versus die Erklärbärin spielen müssen

Aufgrund der Abgefucktheit, sich immer wieder mit derselben sexistischen Scheiße auseinandersetzen zu müssen, findet ein Austausch über Sexismus oft entweder gar nicht, zu oberflächlich oder sehr emotional bzw. durch sich bahnbrechende Genervtheit statt. Uns begegnen vermehrt Formen von Verboten (wie bspw. die Regel für cis Typen, ihr T-Shirt nicht auf Partys auszuziehen, weil das sexistisch sei), die nicht weiter erläutert werden und ohne weitere Erklärung wohl eher nicht zu einer Reflektion des eigenen Verhaltens führen. Dabei tut sich ein Spannungsfeld auf: Müssen (betroffene) Personen wirklich alles immer ansprechen? Konfrontationen sind für alle Beteiligten häufig unglaublich anstrengend. Die eigenen Kapazitäten und die der anderen im Blick zu behalten, scheint somit sinnvoll und manchmal leider diametral entgegengesetzt zu dem Idealbild von „immer alles ansprechen“. Wir verstehen das wirklich gut – wer hat gerade als FLINTA-Person Lust, dem hundertsten Typen sein Verhalten zu erklären? Und trotzdem: damit Menschen sich wirklich feministisch verhalten können, müssen sie verstehen, was an ihrem Verhalten genau sexistisch ist. Sexismus geht nicht weg, indem man ihn Menschen vorwirft. Menschen müssen Möglichkeiten an die Hand gegeben werden, wie sie sich mit Sexismus im politischen Alltag auseinandersetzen können – dabei kann der Verweis auf self-education natürlich mitgenutzt werden, aber es wäre so wünschenswert, die Sprachlosigkeit, die es über Sexismus gibt, zu überwinden. Dies eröffnet ein Spannungsfeld für FLINTAs, in dem immer wieder von Situation zu Situation die eigenen Grenzen ausgelotet werden müssen, während cis Typen sich öfter verantwortlich fühlen sollten. P.S.: Dies ist explizit keine Aufforderung an FLINTAs, immer die Erklärbärin spielen zu müssen.

Die Szene ist leider kein Schutzraum

Weiterhin ist die Annahme, dass die Szene ein „safe space“ ist, und die Vorstellung, dass bei „uns“ alles besser läuft als bei den „Normalos“, problematisch. Sie ist nur die Weiterführung einer bürgerlichen „In unserer Familie kann das nicht passieren“-Haltung. Sexualisierte Übergriffe/Gewalt finden auch in der radikalen Linken alltäglich statt. Koschka Linkerhand schreibt: „Der Gedanke, dass ein verwandter oder geliebter Mann, ein Mann aus dem Freundeskreis oder dem Kollegium [zum Femizid] möglicherweise in der Lage wäre, ist kaum erträglich. Es bedarf einer engagierten feministischen Aufklärung und Bewusstmachung, um ihn zuzulassen und einen emanzipatorischen Umgang damit zu finden.“ (2) 

Es ist wichtig, Frauen- und Queerfeindlichkeit und Gewalt gegen FLINTA in all ihren Facetten ernstzunehmen, weil das Denken in dieser Gesellschaft von Sexismus und Frauenhass geprägt ist, also gesellschaftliches Handeln formt und somit auch unseres. Klar denken (zumindest einige) Leute, die sich als emanzipatorisch verstehen, häufiger über sich und die Gesellschaft nach und versuchen auch zumeist, es besser zu machen. Aber wir sind alle in dieser Gesellschaft groß geworden und durch sie geprägt. Wir würden sogar so weit gehen zu sagen, dass es eine der Hauptfehlannahmen in der Linken ist, diese allumfassenden Prägungen zu verleugnen, auch wenn es schmerzhaft sein mag. Das Selbstverständnis der eigenen Kontexte als frei von patriarchaler Gewalt ist ein selbstgefälliger und gefährlicher Irrglaube. Er erschwert das Benennen und Bearbeiten von Gewalt, die Offenbarung durch Betroffene und einen konstruktiven Diskurs inner- und außerhalb der eigenen Politgruppe. Diese Idee der radikalen Linken als „safe space“ zeugt außerdem von einem beeindruckenden Unverständnis dafür, dass bestimmtes Verhalten sexistisch bis gewaltförmig ist. Dieses Unverständnis sehen wir darin begründet, dass in der akademisierten Linken eine Auseinandersetzung mit Sexismus und Misogynie viel auf abstrakter, theoretischer Ebene stattfindet, selten jedoch bezogen auf konkrete Alltagssituation. Da haben viele Menschen in der radikalen Linken einen Nachholbedarf, dessen Überwindung dringend notwendig ist. Polemisch gesagt: Leuten das Patriarchat erklären zu können heißt noch lange nicht, dass man versteht, wie Strukturen im Alltag aussehen, die dieses stärken und aufrechterhalten.

Machtstrukturen und Verantwortungsübernahme

Als weiterer Punkt zum Umgang mit übergriffigem Verhalten in der Szene fällt uns immer wieder auf, dass Macht- und Sozialstrukturen innerhalb von Gruppen eine zu große Rolle spielen, wenn es darum geht, problematisches Verhalten zu thematisieren oder Betroffenheit anzuerkennen. In Bezug auf Ausübung von Gewalt und Übergriffen wird gerade Personen in besonders wichtigen Positionen oft eine Täter:innenschaft abgesprochen, weil sie so gute Arbeit machen, so engagiert oder schlicht so nett sind. Diese werden dann häufig nicht mit ihrem Scheißverhalten konfrontiert. Hier würden wir uns die konsequente Anwendung des Grundsatzes „betroffenen Personen wird geglaubt“, unabhängig von der Position des:der Täter:in innerhalb der eigenen Gruppe wünschen. Was wir stattdessen erleben ist, dass Leute im Falle eines Übergriffs erstens entschuldigend, zweitens unfähig und drittens unwillens sind, mit diesem vernünftig umzugehen. Hier braucht es mehr Verantwortungsübernahme, Bereitschaft sich einzuschalten, zu diskutieren, sich unbeliebt zu machen und anderes zurückzustellen. Es kann nicht sein, dass nach einem Übergriff häufig entweder gar nichts passiert oder das Höchste der Gefühle ein Ausschluss des:der Täter:in ist, um sich dann nie wieder mit dem Vorfall zu beschäftigen oder nach einer Höflichkeitspause zum Tagesgeschäft zurückzukehren.

Heteronormativität

Sexualisierte Gewalt und Übergriffe sind zudem von weiteren Herrschafts- und Machtdimensionen gekennzeichnet. So wirken in der Wahrnehmung von Täterschaft und Betroffenheit weitere geschlechtsspezifische Marker: Wir erkennen, dass übergriffiges bis gewaltvolles Handeln zwischen zwei Männern oder zwischen zwei FLINTA weniger ernst genommen wird. Hier wird nach dem Motto „Boys will be Boys“, bei zwei Frauen „Das war doch nur ein Missverständnis“ erleichtert weggeguckt. In Bezug auf Personen, die nicht ins binäre Geschlechterspektrum passen, fällt uns die immense Rolle stark verinnerlichten binären Denkens auf, die weiter wirkmächtig ist. Die Wahrnehmung von Übergriffigkeit ist generell von einer heteronormativen Brille geprägt und schadet Betroffenen, die in nicht-heteronormativen Kontexten Gewalt erlebt haben. Je weniger greifbar die typischen Rollen von Täter und Betroffener sind, desto weniger leicht tut sich das Umfeld damit, der betroffenen Person die Unterstützung zu geben, die sie braucht. Je weniger Menschen in die klassische Opferrolle passen, desto weniger wird ihnen in Fällen Definitionsmacht zugesprochen. Generell ist die Frage spannend, welche Stimmen wann gehört und ernst genommen werden. Hier geht es unserer Ansicht nach immer um Geschlecht, Auftreten und Glaubhaftigkeit, es sind aber auch andere Unterdrückungsmechanismen wie Rassismus, Klassismus etc. damit verwoben.  

Definitionsmacht

Wir würden uns stattdessen wünschen, dass alle Menschen unabhängig von ihrer sozialen Positionierung ernstgenommen werden. Die unterschiedliche Wahrnehmung der Betroffenheit hängt unserer Ansicht nach mit der inkonsequenten Anwendung des Konzepts „Definitionsmacht“ (Defma) zusammen. Gesellschaftliche Machtverhältnisse werden – wie bereits erläutert – von allen in der Gesellschaft Lebenden verinnerlicht und prägen deswegen, wie sehr bestimmten Betroffenen geglaubt wird, wenn sie von Übergriffen berichten. Sich dessen bewusst zu sein und eigene sowie dahinterstehende Mechanismen zu hinterfragen, ist ein relevanter Schritt, um Übergriffe zu verhindern bzw. verantwortungsvoll mit ihnen umzugehen.  

Korrekt angewandte Defma hilft dabei, „dass die Tat-Definition der Betroffenen allgemein anerkannt wird. Dies soll erreicht werden durch parteiliche Verbündete, die diese Definition vertreten.“ (3)

Dabei widersprechen wir jedoch klar dem ursprünglichen Konzept der Defma, in dem die betroffene Person auch die (alleinige) Hoheit über die Konsequenzen für die gewaltausübende Person hat. Betroffenen muss geglaubt werden – das bedeutet jedoch nicht, dass diese dann auch alleine entscheiden, was als nächstes passieren soll. Diese Praxis erschwert in unseren Augen einen guten Umgang mit sexualisierter Gewalt, u.a. weil sie Umfeld und Täter:in handlungsunfähig machen kann. Wir gehen an dieser Stelle nicht weiter ins Detail zur feministischen Kritik an Defma, dazu gibt es andere Texte. 

Streitkultur und community accountability

Einen weiteren Mechanismus, der den Umgang mit Übergriffen erschwert, sehen wir in der politischen Praxis zwischen Gruppen: Kritik wird nicht direkt, sondern nur hinter vorgehaltener Hand geäußert. Ist die Schwierigkeit, Kritik zu äußern, ein individuelles Problem oder eins der Szene? Kritik wird nicht als Anstoß zum Lernen gesehen, sondern vor allem als Angriff. Fehlerfreundlichkeit fehlt, es gibt viel binäres „gut oder böse“-Denken. Fehlende Bereitschaft bei gleichzeitig fehlenden Skills führen dazu, dass Widersprüche nicht ausgehalten und verhandelt werden können. Wir sehen regelmäßig Frustration und Distinktion von Gruppen gegenüber anderen. Aber wie kann man sich als community bei einem Übergriff verhalten, wenn man eigentlich keine Community ist? Die mangelnde Zusammenarbeit beim Thema Übergriffe und Gewalt ist verständlich. Trotz inhaltlicher Differenzen sehen wir Potenzial darin, eine kritikfähige, transparente politische Praxis zu errichten, sich tatsächlich in Bezug zueinander zu setzen und kritisch aufeinander zu beziehen (übrigens nicht nur bei Übergriffen!). Dies wäre definitiv notwendig, um den Umgang mit sexualisierter Gewalt innerhalb der radikalen Linken wirklich produktiv im Sinne der „community accountability“ zu wenden. Dabei ist jedoch wichtig zu erwähnen, dass das Offenbaren davon, wo es scheiße lief, angreifbar macht. Wir möchten dementsprechend zwischen Geschlossenheit aufgrund von Angst vor Repression und einer nötigen Kritik und Austausch mit anderen Linksradikalen unterscheiden. Innerhalb der Szene muss die Angst vor Kritikmomenten abgebaut werden, weil man lernt, dass Gewalt und Übergriffe an- und Kritik ausgesprochen werden kann, aber man trotzdem unter Umständen miteinander arbeitet. Wir als Gruppen innerhalb einer Szene haben als Teil der community auch Verantwortung für andere Gruppen in der Szene. Somit sind wir auch mitverantwortlich, einen besseren Umgang mit Vorfällen zu erreichen. 

In Prozess und Auseinandersetzung gehen

Es bräuchte mehr positive Beispiele, an denen sich für die eigenen Aufarbeitungsprozesse orientiert werden kann. Auch wenn „transformative justice“-Gruppen, auch in Göttingen, Erfahrungen sammeln und teilen, sind diese (noch) nicht allgemein verbreitet und anerkannt. Wenn ein Übergriff passiert oder eine Person sich grenzüberschreitend verhält, ist es jedes Mal wieder der Stand Null. Das führt in der Gruppe zu großer Überforderung, Zurückhaltung und Angst, etwas Falsches zu machen. Wie beschrieben ist in der Praxis ein Rausschmiss des Täters die vermeintlich leichte Lösung, die es Genoss:innen, Friends und Umfeld erlaubt, Ausreden zu finden statt sich wirklich mit der eigenen, individuellen Rolle auseinanderzusetzen und in der Gruppe darüber zu sprechen, daran zu arbeiten. Das Verstummen – gerade von cis Männern – bringen wir mit dem Fehlen von Räumen zum Besprechen innerhalb von Gruppen und außerhalb in Verbindung. Aber es muss darüber gesprochen werden! Öffentliche Diskussionen, sich Fragen untereinander stellen, Veröffentlichungen von Stellungnahmen, Prozessen, Gedanken, Konfrontationen, Aufarbeitungen, Schwierigkeiten und Lösungswegen würden die Schwelle vermindern, solche Prozesse selber anzustoßen oder mutig weiterzuführen. 

Ganz konkret: Wenn es um den Umgang mit sexualisierten Übergriffen geht, halten wir weder Kleinreden oder Leugnen noch extreme Verurteilung der ausübenden Personen für angebracht. Manchmal ist ein Ausschluss sinnvoll, manchmal vorschnell. Dies muss individuell betrachtet werden und zur Bewertung kann der Austausch mit anderen betroffenen Kontexten sowie Erfahrungen aus der transformativen Arbeit helfen. Wichtig ist es immer, zuerst auf die betroffene Person zu achten: Wie können ihre Bedürfnisse gesehen und gewahrt werden, ohne dass sie die ganze Verantwortung im Prozess tragen muss? 

Institutionalisierte Verantwortungsübernahme könnte z.B. so aussehen, dass sich Gruppen (regelmäßig) untereinander austauschen und über Pläne und Konzepte zum Umgang mit sexistischem Verhalten und Übergriffen sprechen. Im Sinne unseres Anspruchs sollten Gruppen standardmäßig transparent machen, wenn sie transformative Prozesse einleiten und dazu Feedback einholen. Dabei geht es natürlich nicht darum, mit allen über einen konkreten Vorfall oder die Betroffene zu reden, sondern es geht darum, ins Nachdenken, Austauschen und Weiterentwickeln zu kommen.

Wie sieht eine emanzipatorische feministische Praxis aus? 

Zusammengefasst: auch in Göttingen, in der Szene, auch bei uns passieren sexualisierte Übergriffe und Gewalt. Also müssen wir alle damit umgehen und uns verantwortlich fühlen, eine bessere community zu werden. Wir müssen uns selbst und anderen hinterfragen, während wir uns mit dem Konzept von Defma auseinandersetzen. Wir müssen eine Atmosphäre des Lernens schaffen, in der Austausch und Kritik möglich ist und solidarisch miteinander über Themen verhandelt wird. Es braucht mehr Anleitungen und positive Beispiele, wenn es um die Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und Übergriffen geht. Hier ist ein solidarisch-kritischer Austausch die Grundlage. Dabei müssen insbesondere linke (cis) Männer mehr Verantwortung übernehmen, was auch heißt, kontinuierliche und emotional anstrengende Auseinandersetzungen zu führen und Aufgaben zu übernehmen. Cis Dudes müssen mit daran arbeiten, dass übergriffiges Verhalten aufgearbeitet wird! Dabei reicht kein „Pet on the back“ für die eh arbeitende FLINTA-Struktur. Wie die Rolle der Männer aussehen soll, muss individuell verhandelt werden.

Wir fordern: Feminismus darf nicht nur als Intervention betrachtet werden, sondern muss in die politische Praxis integriert sein. In dem Kampf gegen sexualisierte Gewalt und Übergriffe reicht Feminismus als Performance nicht aus. Wir müssen die Gewalt erkennen, benennen und beenden – und dies funktioniert nicht mit schicken Labels, sondern benötigt tiefe Auseinandersetzungen mit sich selbst und der Szene.


(1) In diesem Text sprechen wir über die radikale Linke. Das bedeutet, dass wir vorrangig über organisierte Politgruppen sprechen. Die Tendenzen, die wir erkennen und die Überlegungen, die wir angestellt haben, können auch für Hausprojekte, Kollektive und andere politische Zusammenhänge gelten. In diesem Text gibt es keinen spezifischen Blick auf diese Kontexte – und trotzdem sollten sich Menschen daraus angesprochen fühlen.

(2) Linkerhand, K. (2020). Mitten unter uns. Überlegungen zum transnationalen Kampf gegen Frauenmorde. Erster Teil. Konkret 8/20.

(3) http://evibes.blogsport.de/2014/11/18/wir-arbeiten-nicht-mit-definitionsmacht/